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Zart mit dir

Ich hab manchmal Klienten, die haben so überhaupt keine Umgangsformen. Grüßen nicht, sind ruppig und schnauzen nur rum, nichts kann ihnen schnell genug gehen oder gut genug sein, sie hauen einem Sachen um die Ohren, die x Jahre zurückliegen, sind kleinlich ohne Ende und finden, dass man sich echt einfach mal ein bisschen zusammenreißen kann, dann wird auch alles besser.





Zu mir sind sie ganz nett. Grüßen freundlich, erkundigen sich danach, wie es mir geht, sagen Sachen wie "Ach, das ist aber eine schöne Kette, steht Ihnen gut" oder "Nicht so schlimm", wenn ich einen Termin verschieben muss. Aber, wenn wir über ihren Alltag sprechen, was los ist zu Hause, im Büro, an den Wochenenden und sie von sich erzählen - dann verlieren diese an sich sehr netten und zivilisierten Menschen jegliches Maß an Freundlichkeit und verwandeln sich in Ebenezer Scrooge.


Und, kein Geheimnis: Auch ich bin immer mal wieder meine eigene Scrooge. Aber viel seltener als früher. Und, Schwamm drüber, ab und zu rempelt man sich eben unsanft an, Entschuldigung und nächstes Mal besser aufpassen, ok? Wir haben uns so an unseren Umgang mit uns selbst gewöhnt, dass wir oft gar nicht mehr wahrnehmen, wie hart und lieblos dieser sein kann. Würden wir so auch mit dem Partner, den Kindern, der Frau, den Freunden umgehen?





Wenn das Kind uns sagt: "Ich bin heute irgendwie so traurig, ich weiß auch nicht warum, aber ich will am liebsten gar nichts." Gehen wir da weg und rufen allenfalls über die Schulter "Du, interessiert mich jetzt eigentlich nicht sonderlich, sei halt nicht so traurig und nerv nicht rum. Andere sind auch gut drauf."? Oder der Partner erzählt von Selbstzweifeln bei seinem neuen Projekt. Bügeln wir den ab mit "Hab ich dir gleich gesagt. Das erste Studium hattest du ja auch abgebrochen. Du bist einfach zu dumm. Weiß gar nicht, warum ich mit so einem Idioten zusammen bin. Geh heulen."


Und angenommen, wir sind im Körperkontakt mit jemandem, der uns wichtig ist, egal ob erotisch oder alltäglich oder pflegerisch. Wie berühren wir den anderen Körper? Man sagt immer, diese 23 Minuten Körperpflege, die von der Pflegekasse bezahlt werden, sind viel zu wenig. Und ein ruppiger Umgang mit den Pflegebedürftigen geht gar nicht. Wie aufmerksam sind wir mit uns selbst? Wer nutzt schon diese Pflegeroutinen, um sich morgens beim Rasieren zwischendurch mal zuzuwinkern oder die Haare eine Minute länger zu bürsten oder die eigene Haut beim Eincremen wirklich zu berühren, statt hastig Creme zu verteilen, weil eigentlich nach dem Duschen keine Zeit?


Sei zart mit dir. Wer, wenn nicht du? Im Umgang mit dir darfst du alle Regeln des Umgangs mit anderen Menschen befolgen. Hab keine Angst. Du kannst dich nicht verwöhnen, so wenig, wie du ein Baby verwöhnst, wenn du liebevoll mit ihm umgehst und für es sorgst.

Wer das Glück hat, in Berlin zu leben, begegnet über den Tag schnell mal tausend Menschen. Aber auch tausend Mal sich selbst.




Zart mit dir. Immer wieder zart mit dir.


Da passiert nichts schlimmes, wenn du freundlich mit dir umgehst, vielleicht weinst du mal, weil du traurig bist. Und beruhigst dich dann. Und hörst wieder auf. Und fühlst erstmal nichts. Und dann was anderes. Und dann geht es weiter.

Da könntest du mal versehentlich auch ganz angetan sein von dir selbst, weil deine Haare sich einfach sehr, sehr schön anfühlen, wenn du sie durch die Finger gleiten lässt. Kann passieren, dass du ein Selbstgespräch führst, das dich inspiriert und ermutigt. Oder du schickst dich früh ins Bett, weil das so einfach kein Zustand bist, überreizt und müde, wie du bist und du da einfach mal ein Machtwort sprechen musst. Morgen geht es weiter, aber für heute ist Schluss.


Im Coaching ist Selbstfürsorge oft ein Thema. Und Klient:innen entwickeln etwas, das sie nicht erst mühsam organisieren müssen, wie ein Wellnesswochenende oder Ganzkörpermassage (trotzdem machen!  ) Es ist einfach so wohltuend, wenn wir anfangen, freundlich mit uns selbst zu sein, unterstützend, genau hinhören und uns dann zwischendurch genau die Kleinigkeit geben, die wir uns gerade wünschen. Wer das entdeckt, hat die beste Partnerschaft seines Lebens gefunden.

Ich helfe gern bei der Partnersuche.

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